Wie entsteht unser Troyer? - Vom Wollgarn bis zum fertigen Seemannspullover
Ein fertiger Troyer verrät erstaunlich wenig darüber, wie er entstanden ist. Man sieht einen Pullover, einen hohen Kragen, einen kurzen Reißverschluss. Alles wirkt selbstverständlich, als hätte es genau so sein müssen. In der Strickerei sieht die Sache anders aus: Dort liegt am Anfang kein Pullover auf dem Tisch, sondern Garn auf Spulen. Daraus entstehen Vorderteil und Rückenteil, Ärmel, Kragen und die Patte für den Reißverschluss – zunächst jedes für sich. Erst danach beginnt ein Weg durch verschiedene Maschinen und durch viele Hände, an dessen Ende aus diesen einzelnen Strickteilen ein Kleidungsstück geworden ist.
Unsere Troyer werden bei strickchic in Apolda gestrickt. Die Geschichte der Strickwarenindustrie in Apolda reicht dabei mehr als 400 Jahre zurück. Wer wissen möchte, warum dieser Pullover überhaupt Troyer heißt und wie er zum klassischen Kleidungsstück der Seeleute wurde, findet die Geschichte im Beitrag über den traditionellen Arbeits- und Seemannspullover. Hier bleiben wir in der Produktion und beginnen dort, wo auch der Troyer beginnt: bei der ersten Masche.
Bevor die erste Masche entsteht
Eine moderne Flachstrickmaschine kann sehr viel. Sie kann Maschen bilden, Nadeln einzeln steuern, Konturen entstehen lassen und ein Strickteil mit großer Genauigkeit wiederholen. Nur eines kann sie nicht: wissen, was sie stricken soll. Bevor Garn durch die Fadenführer läuft und sich die ersten Nadeln bewegen, muss deshalb feststehen, wie das spätere Strickteil aufgebaut ist. Größe, Maschenzahl, Ausschnitt, Bündchen, Konturen sowie die notwendigen Zu- und Abnahmen sind im Strickprogramm hinterlegt. Garn, Maschineneinstellung und Maschendichte müssen dazu passen.
Erst wenn all das zusammenspielt, setzt sich die Maschine in Bewegung. Das Garn läuft ein, die Nadeln beginnen ihren schnellen, gleichmäßigen Takt, und aus einem Faden entsteht Reihe für Reihe ein Gestrick. Nur ist dieses Gestrick bei unseren Troyern nicht einfach rechteckig.
Die Form entsteht schon auf der Strickmaschine
Unsere Troyer werden formgerecht gestrickt. Der international gebräuchliche Begriff dafür lautet Fully Fashioned. Dabei bekommt ein Strickteil seine Form nicht erst später durch Schere und Zuschnitt, sondern bereits während des Strickens. Die Maschine hängt Maschen auf die benachbarte Nadel um und lässt das Gestrick dadurch dort breiter oder schmaler werden, wo es die Kontur des späteren Kleidungsstücks verlangt.
Ein Ärmel sieht deshalb schon wie ein Ärmel aus, wenn er die Maschine verlässt; Vorder- und Rückenteil besitzen ebenfalls ihre vorgesehene Form. Das unterscheidet diese Art der Herstellung von Verfahren, bei denen zunächst größere Strickflächen produziert und die benötigten Teile anschließend daraus ausgeschnitten werden. Beim formgerechten Stricken entfällt dieser Zuschnitt – und damit auch der damit verbundene Verschnitt.
Für einen Troyer entstehen auf diese Weise Vorderteil, Rückenteil, zwei Ärmel, der Kragen und die Patte für den Reißverschluss. Auf der Maschine ist damit viel Arbeit getan. Ein Pullover ist trotzdem noch nicht entstanden.

Aus zusammenhängenden Strickteilen werden einzelne Teile
Die gestrickten Teile können über Trennfäden miteinander verbunden aus der Maschine kommen. Was eben noch zusammenhing, wird nun voneinander getrennt. Erst danach liegen Vorderteil, Rückenteil, Ärmel, Kragen und Patte wirklich als einzelne Teile vor uns.
Bis hierher hat die Strickmaschine die Form geschaffen. Von jetzt an geht es darum, diese Formen miteinander zu verbinden. Die Arbeit wandert aus der Strickerei in die Konfektion – und mit ihr verändert sich auch ihr Charakter. Die Maschine gibt nun nicht mehr allein den Takt vor; immer häufiger kommt es darauf an, wie ein Teil aufgenommen, geführt, ausgerichtet und mit einem anderen verbunden wird.
Zwei Nähte machen aus Vorder- und Rückenteil einen Anfang
Zuerst treffen Vorder- und Rückenteil aufeinander. An der Interlockmaschine werden die Schulternähte geschlossen. Es sind nur zwei vergleichsweise kurze Verbindungen, und doch verändert sich damit sofort der Eindruck: Aus zwei flachen Strickteilen wird etwas, das bereits einen Oberkörper erkennen lässt. Der Halsausschnitt liegt an seiner späteren Stelle, die Schulterlinie ist geschlossen, während Seiten und Armöffnungen noch weit offen bleiben.
Das ist kein Zufall. Ein Troyer wird nicht einfach rundherum zusammengenäht. Die Reihenfolge der Arbeitsgänge ist wichtig, weil manche Stellen später nur noch schwer oder gar nicht mehr erreichbar wären.
Die Reißverschlussblende wird angekettelt
Nach dem Schließen der Schulternähte wird die gestrickte Patte für den Reißverschluss angekettelt. Sie dient beim fertigen Pullover als Blende und verdeckt den Reißverschluss. Dafür kommt eine Rundkranzkettelmaschine zum Einsatz.
Wer einer geübten Mitarbeiterin beim Ketteln zusieht, versteht schnell, warum diese Arbeit so viel Erfahrung verlangt. Auf dem Rundkranz stehen dicht nebeneinander die Nadeln, auf die das Gestrick aufgenommen wird. Masche für Masche muss ihren richtigen Platz finden. Die Maschine selbst verbindet anschließend zuverlässig, was ihr vorgelegt wurde, sie erkennt aber nicht, ob eine Masche übersehen wurde oder ob das Strickteil an der falschen Stelle aufgenommen wurde.
Gerade bei dunkler Wolle verschwimmen die einzelnen Maschen für ungeübte Augen schnell zu einer Fläche. Wer täglich kettelt, erkennt dagegen Strukturen, wo andere zunächst nur dunkles Gestrick sehen. Die Präzision dieses Arbeitsgangs entsteht deshalb nicht allein durch die Maschine, sondern ebenso durch Erfahrung, Auge und Hand der Mitarbeiterin.
Ist die Blende angekettelt, ist der Bereich vorbereitet, in dem später der Reißverschluss sitzt.

Dann bekommt der Troyer sein prägendes Merkmal: den Kragen
Nun folgt das Teil, das dem Troyer sein unverwechselbares Erscheinungsbild gibt: der hohe Troyerkragen. Er wird ebenfalls angekettelt. Seine Rippenstruktur macht ihn elastisch und sorgt dafür, dass er sich bei geschlossenem Reißverschluss hoch um Hals und Nacken legt und sich geöffnet nach außen umlegen lässt.
Erst mit diesem Kragen beginnt der Pullover wirklich wie ein Troyer auszusehen. Der Kragen ist nicht bloß ein funktionales Detail, sondern das prägende konstruktive Element dieses Kleidungsstücks. Der kurze Reißverschluss ergänzt ihn später und macht den Halsbereich variabel – der eigentliche Charakter des Troyers entsteht jedoch durch die besondere Form des Kragens.
Der Reißverschluss wird eingenäht
Der Reißverschluss wird an der Steppstichmaschine eingenäht. Was wie ein vergleichsweise unspektakulärer Arbeitsgang klingt, verlangt einiges an Sorgfalt, denn hier treffen zwei Materialien aufeinander, die sich sehr verschieden verhalten. Das Gestrick ist elastisch, kann sich verschieben und seine Form verändern; das Band des Reißverschlusses bleibt in Längsrichtung dagegen vergleichsweise stabil.
Wird der Reißverschluss unter Spannung eingesetzt oder auch nur geringfügig versetzt eingenäht, kann sich der Halsbereich verziehen. Die beiden Seiten müssen deshalb sauber zueinander stehen, damit der Verschluss gerade läuft und der Kragen symmetrisch fällt. Die zuvor angekettelte Patte liegt später als Blende darüber und verdeckt den Reißverschluss.
Erst mit dem eingenähten Reißverschluss zeigt der Kragen jene typische Form, die den Troyer unverwechselbar macht.

Die Ärmel kommen an ihren Platz
Zu diesem Zeitpunkt sind die Seitennähte des Troyers noch offen – und genau das erleichtert das Einsetzen der Ärmel. Die beiden formgerecht gestrickten Ärmel werden nun in die Armausschnitte eingenäht. Dabei treffen Konturen aufeinander, die schon beim Stricken für genau diesen Zweck angelegt wurden.
Breitet man den Troyer jetzt flach aus, ist sein späteres Aussehen bereits fast vollständig zu erkennen: Kragen, Reißverschluss und Ärmel sitzen an ihrem Platz, Vorder- und Rückenteil bilden den Rumpf. Geschlossen ist dieser Rumpf allerdings noch nicht. Vom Ärmelbündchen bis hinunter zum unteren Saum verlaufen auf beiden Seiten offene Kanten.
An der Tellermaschine schließt sich der Pullover
Jetzt kommt die Tellermaschine zum Einsatz. An ihr werden die Ärmel- und Seitennähte geschlossen. Dabei wird zunächst der Ärmel vom Bündchen bis zur Achsel geschlossen; von dort setzt sich die Naht entlang der Seite des Rumpfes bis zum unteren Saum fort.
Damit verändert sich der Troyer sichtbar: Was zuvor noch an mehreren Stellen offen war, wird nun zu einem geschlossenen Kleidungsstück. Ärmel und Rumpf bilden erstmals eine zusammenhängende Form, und die einzelnen Strickteile treten optisch in den Hintergrund.
Spätestens jetzt liegt vor uns nicht mehr eine Ansammlung sorgfältig verbundener Einzelteile, sondern ein Pullover – auch wenn noch einige Arbeitsschritte folgen.

Eine Naht, die möglichst unsichtbar bleiben soll
Ganz fertig ist er trotzdem noch nicht. Am unteren Ende des Rumpfes muss der Saum befestigt werden, und dafür kommt die Blindstichmaschine zum Einsatz. Der Name beschreibt recht treffend, was diese Naht leisten soll: halten, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Auf der Außenseite des Pullovers soll möglichst wenig davon zu sehen sein.
Gerade bei der großen, ruhigen Strickfläche eines klassischen Troyers würde eine auffällige Naht den Blick unnötig auf sich ziehen. Eine gute Blindstichnaht tut das Gegenteil: Man bemerkt sie vor allem deshalb nicht, weil sie genau das tut, was sie soll.
Kleine Riegel sichern wichtige Stellen
Danach wandert der Troyer zur Riegelmaschine. Dort werden die entsprechenden Nähte an beanspruchten Stellen mit kurzen, dicht gesetzten Stichen verriegelt und gegen ein Aufgehen gesichert.
Auch diese Riegel gehören zu jenen Details, die der spätere Träger wahrscheinlich nie bewusst wahrnehmen wird. Das gilt für erstaunlich viele Arbeitsgänge eines gut gemachten Kleidungsstücks: Je besser sie ausgeführt sind, desto weniger erzählen sie später von sich. Mit dem Verriegeln ist die eigentliche Näharbeit abgeschlossen.
Dämpfen und in Form bringen
Nach der Konfektion kommt der Troyer auf den Dämpftisch. Dort wird das Gestrick mit Wärme und Feuchtigkeit behandelt und der Pullover sorgfältig in Form gebracht. Das hilft dabei, kleinere Unruhen im Maschenbild auszugleichen und dem Kleidungsstück ein ruhigeres, gleichmäßigeres Erscheinungsbild zu geben.
Der Dämpftisch ist damit ein wichtiger letzter Arbeitsgang vor der Kontrolle. Erst danach wird geprüft, ob Form, Maße und Verarbeitung des Troyers den Anforderungen entsprechen.

Am Ende schaut noch einmal jemand ganz genau hin
Die letzte Station unserer Fertigung besitzt keine komplizierte Mechanik und kein Computerprogramm. Sie braucht vor allem Erfahrung und ein gutes Auge. Eine Mitarbeiterin nimmt jeden fertigen Troyer zur Endkontrolle in die Hand und betrachtet ihn als Ganzes und im Detail. Sie kontrolliert Maschenbild und Nähte, achtet auf lose Fäden und kleine Auffälligkeiten, prüft den Reißverschluss und kontrolliert Form und Maße.
Ein Pullover kann alle vorherigen Maschinen ohne offensichtliches Problem durchlaufen haben und trotzdem eine Kleinigkeit besitzen, die erst jetzt auffällt. Genau deshalb endet die Produktion nicht mit dem letzten Stich und auch nicht mit dem Dämpftisch. Wer täglich mit Strickware arbeitet, sieht nicht nur, ob etwas auf den ersten Blick ordentlich aussieht. Ein geschultes Auge erkennt, wenn etwas anders aussieht, als es aussehen sollte.
Erst wenn diese Prüfung bestanden ist, bekommt der Troyer sein Hangtag, wird gefaltet und verpackt. Aus Garn auf der Spule ist ein fertiges Kleidungsstück geworden.
Was man dem fertigen Troyer nicht mehr ansieht
Vielleicht liegt gerade darin die Qualität eines gut gemachten Kleidungsstücks: Am Ende soll man die vielen Arbeitsgänge nicht mehr sehen. Keine Naht soll Aufmerksamkeit verlangen, kein Detail nach seiner Maschine aussehen. Der Troyer soll einfach sitzen, wärmen und funktionieren.
Bis dahin ist aus Garn, einzelnen Strickteilen und vielen präzisen Handgriffen ein fertiges Kleidungsstück geworden. Das alles geschieht bei uns in Apolda. Und vielleicht ist genau das der schönste Moment der Herstellung: wenn die Arbeit verschwindet und nur der Troyer bleibt.
Wie ein Schiff, das nach vielen Stunden in der Werft schließlich bereit ist, den Hafen zu verlassen, treten unsere fertigen klassischen Seemannstroyer von hier aus ihren Weg zu den Menschen an, die sie tragen werden.